Aussenwirtschaft

Außenhandel mit China: Von wegen Yin und Yang

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Simone Diebold

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Die Volksrepublik ist ein mächtiger Handelspartner. Doch während China für die EU und vor allem für Deutschland ein immer wichtigerer Handelspartner geworden ist, gilt für Peking das Gegenteil.

Aus geopolitischen Gründen sollte der Westen seine Handelsabhängigkeit gegenüber China schnellstmöglich durch mehr Diversifizierung reduzieren. Dass der Westen und damit Deutschland wirtschaftlich in hohem Maß abhängig von China sind, ist beileibe keine neue Erkenntnis:

China war im Jahr 2021 mit einem Warenhandelsvolumen von 9,5 Prozent Deutschlands wichtigster Handelspartner – und das zum sechsten Mal in Folge.

Aus keinem anderen Land importierte Deutschland Waren für so viel Geld (knapp 142 Milliarden Euro) und nur in die USA (122 Milliarden Euro) exportierte Deutschland mehr als nach China (annähernd 104 Milliarden Euro). Vor allem für die deutschen Autohersteller ist China ein wichtiger Markt: Jedes dritte Fahrzeug von BMW, Mercedes-Benz und VW verkauften die Konzerne im vergangenen Jahr dort, bei der Marke VW war es sogar jedes zweite Auto.

Auch auf der Importseite gibt es große Abhängigkeiten, vor allem bei den sogenannten kritischen Rohstoffen. China ist beispielsweise der größte Exporteur von Magnesium und seltenen Erden. Die Hälfte des Magnesiums, das Deutschland 2019 importierte, stammte aus dem Reich der Mitte. Bei den seltenen Erden betrug der Importanteil aus China 45 Prozent. Da die Substitutionsmöglichkeiten für viele seltenen Erden gering sind, sie aber oft eine hohe Zukunftsrelevanz haben – etwa für die Elektromobilität und damit für die Energiewende – hat sich Deutschland hier in eine starke Abhängigkeit von China begeben.

Aber gilt das auch für den Außenhandel insgesamt? Eine neue IW-Studie liefert eine Bestandsaufnahme der gegenseitigen Handelsverflechtungen zwischen der EU und Deutschland auf der einen Seite und China auf der anderen Seite.

China verringert seine Abhängigkeit vom Westen

Ein zentrales Ergebnis lautet: Während die EU und Deutschland ihre Handelsanteile mit China immer weiter ausbauen, verringert China seine Abhängigkeit vom Westen. Das liegt vor allem daran, dass Peking seit rund 15 Jahren seine Handelsoffenheit reduziert. Die Fakten im Detail:

Die importseitigen Abhängigkeiten zeigen die Relevanz Chinas als Lieferant für die EU und Deutschland sowie umgekehrt. Betrachtet man den reinen Warenhandel, gibt es deutliche Unterschiede, wie sich die gegenseitigen Importanteile entwickelt haben: Seit dem Jahr 2000 ist Chinas Bedeutung als Lieferant für die EU und Deutschland deutlich gestiegen. Lag der Anteil der Warenimporte der EU-Staaten aus China im Jahr 2000 noch bei 6,1 Prozent, betrug er 2021 bereits 22,3 Prozent. In Deutschland erhöhte sich nach Angaben des Internationalen Währungsfonds der entsprechende Anteil von 3,2 Prozent auf 8,2 Prozent.

In China dagegen haben sich die Importanteile kaum verändert: Im Jahr 2000 bezog Peking 10,5 Prozent all seiner ausländischen Waren aus der EU, im Jahr 2021 waren es 10,6 Prozent. Bei Deutschland waren es 4,6 beziehungsweise 4,5 Prozent.

Um die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Importabhängigkeiten abschätzen zu können, reicht ein Blick auf den reinen Warenhandel allerdings nicht aus. Hierfür ist eine Betrachtung von wertschöpfungsbezogenen Daten nötig, da sie auch die enthaltene Wertschöpfung von Waren und Dienstleitungen aus anderen Ländern als dem Importland berücksichtigen. So wird unter anderem erfasst, wenn europäische Importe aus China zu einem relevanten Teil Wertschöpfung aus anderen, beispielsweise asiatischen Ländern beinhalten. Ebenfalls ermittelt wird die chinesische Wertschöpfung in Importen, die etwa Deutschland aus Vietnam bezieht.

Weil es jedoch aufwendig ist, diese Daten zu ermitteln, stehen die aktuellsten Werte nur für 2018 zur Verfügung:

In China entfielen 2,2 Prozent der Wertschöpfung, die in den dort nachgefragten Gütern enthalten war, auf Wertschöpfungsimporte aus der EU. In der EU lag der entsprechende Anteil für Importe aus China bei 2 Prozent. Auf der Importseite sind China und die EU also ähnlich abhängig voneinander. Deutschland ist dagegen mit einem Wertschöpfungsanteil in der deutschen Endnachfrage von 2,2 Prozent im Jahr 2018 deutlich stärker von China abhängig als China von Deutschland mit nur 0,8 Prozent.

Doch dabei wird es voraussichtlich nicht bleiben. Bei einer Fortsetzung der derzeitigen Trends wird die Abhängigkeit der EU und Deutschlands von China weiter zunehmen, während sich umgekehrt Chinas Abhängigkeit weiter verringern wird. Das gilt vor allem deshalb, weil sich China mit der Made-in-China-2025-Strategie und der Strategie des doppelten Wirtschaftskreislaufs bewusst unabhängiger vom Westen machen will.

Die exportseitigen Abhängigkeiten dagegen zeigen ein ganz anderes Bild: Die EU exportierte 2021 mit einem Anteil von 10,2 Prozent ihrer gesamten Warenausfuhren deutlich weniger nach China, als sie an Waren aus dem Reich der Mitte importierte (22,3 Prozent). Das daraus resultierende Handelsbilanzdefizit belief sich laut EU-Kommission auf rund 250 Milliarden Euro, denn die EU-Staaten importierten 2021 chinesische Waren für rund 470 Milliarden Euro, führten aber lediglich Waren im Wert von etwas mehr als 220 Milliarden Euro dorthin aus.

Das bedeutet aber auch: Exportseitig ist China damit abhängiger von der EU als die EU von China.

Für Deutschland gilt das Gegenteil. Mit einem Warenexportanteil von zuletzt 7,6 Prozent ist China für die deutsche Wirtschaft in etwa doppelt so wichtig wie Deutschland für China, das nur 3,4 Prozent seiner Ausfuhren hier absetzt. Dieser Befund wird bei der Betrachtung der gesamtwirtschaftlichen wertschöpfungsbezogenen Exportanteile bestätigt: 

Deutschland weist mit einer gesamtwirtschaftlichen Abhängigkeit gegenüber der Volksrepublik China von 2,7 Prozent im Jahr 2018 die größte Exportabhängigkeit der betrachteten Länderkonstellationen auf – Chinas gesamte Wertschöpfung hing nur zu 0,6 Prozent von Wertschöpfungsexporten nach Deutschland ab.

Die EU ist mit einer Rate von 2,0 Prozent weniger abhängig von China als Deutschland. Sie ist exportseitig auch etwas weniger abhängig von China als umgekehrt China von der EU mit 2,2 Prozent seiner gesamten Wertschöpfung. Zwischen der Europäischen Union und China herrscht also in etwa ein Gleichgewicht bei den exportseitigen Abhängigkeiten.

Doch die unterschiedlichen Trends sind auch hier problematisch. Zwischen 2007 und 2018 halbierte sich die chinesische Wertschöpfung, die vom Export in die EU abhängt. Dagegen hat sich die exportseitige gesamtwirtschaftliche Abhängigkeit der EU und auch Deutschlands gegenüber China immer weiter und recht deutlich erhöht.

Mithilfe der gesamtwirtschaftlichen Exportanteile und unter Berücksichtigung der Arbeitsproduktivität lässt sich übrigens auch die Zahl der Arbeitsplätze abschätzen, die ein Land aufgrund seiner Exporte hat:

In China waren 2018 insgesamt annähernd 16 Millionen Arbeitsplätze vom Endverbrauch in der EU abhängig, in Deutschland hingen 1,1 Millionen Arbeitsplätze an den Ausfuhren nach China.

In der EU sind rund 3,5 Millionen Jobs direkt oder indirekt mit China verbunden, sodass auf Deutschland rund 30 Prozent aller EU-Arbeitsplätze entfallen, die am Geschäft mit Peking hängen.

Insgesamt sind die gegenseitigen gesamtwirtschaftlichen Handelsabhängigkeiten mit einer Größenordnung von 2 bis 3 Prozent zwar überschaubar, doch während China seine Abhängigkeit weiter verringert, gilt für die EU und auch für Deutschland das Gegenteil. Von einem Yin-und-Yang-Prinzip ist der Westen gegenüber China also weit entfernt.

Neue Handels- und Investitionsabkommen mit Schwellenländern nötig

Aus geopolitischen Gründen und aufgrund der Erfahrungen mit ihrer Energieabhängigkeit von Russland sollten die EU und Deutschland ihre Abhängigkeit von China vermindern. Insbesondere bei seltenen Erden, anderen kritischen Rohstoffen und Vorprodukten fehlt es hier noch an Tatkraft und Entschlossenheit, um alternative Versorgungsquellen in möglichst hohem Tempo aufzutun. Eine Voraussetzung dafür sind neue Handels- und Investitionsabkommen der EU mit den Schwellenländern in Asien, Lateinamerika und Afrika.

Foto: IW MedienInterview: „Die Welt des Wegschauens ist zu Ende“

Wie lässt sich die Abhängigkeit von China reduzieren? Vor allem durch Diversifizierung, sagt Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsforschung und Konjunktur im IW. (Foto: IW Medien)

Haben sich die Unternehmen in Deutschland, etwa die Automobilindustrie, zu abhängig von China gemacht?

Einige Unternehmen haben einen sehr hohen Anteil an ihren globalen Umsätzen in China. Und China ist ja auch ein sehr dynamisches Land, wo viele Firmen sagen: Da muss man präsent sein. Letztlich muss jeder Betrieb aber selbst entscheiden, ob er in einem einzelnen Land zu stark engagiert ist. Das gehört zum Risikomanagement. Wegen der zunehmenden politischen Konflikte muss hier vieles neu bewertet werden.

Betriebe sollten interne Stresstests durchspielen und überlegen, ob und wie sie kritische Situationen in China überleben können. Wenn sich zeigt, dass in einem solchen Fall die Firmenexistenz auf dem Spiel steht, sollte zügig gegengesteuert werden.

Wann hätte man denn erkennen können, dass der viel beschworene „Wandel durch Handel“ nicht funktioniert?

Spätestens, nachdem Xi Jinping ein paar Jahre an der Macht war, als es keine erkennbare Entwicklung mehr Richtung Marktwirtschaft und Demokratie gab.

Was sollten Unternehmen tun, die wirtschaftlich eng mit China verflochten sind?

Jedes Unternehmen muss für sich Szenarien durchspielen. Zum Beispiel den Fall, dass China in Taiwan einmarschiert und dann möglicherweise Druck – auch seitens der Vereinigten Staaten – aufkommt, die Handelsbeziehungen mit China weitgehend einzufrieren. Betriebe sollten interne Stresstests durchspielen und überlegen, ob und wie sie solche Situationen überleben können. Wenn sich zeigt, dass in einem solchen Fall die Firmenexistenz auf dem Spiel steht, sollte zügig gegengesteuert werden.

Viele wichtige Rohstoffe, zu denen es kaum alternative Lieferländer gibt, kommen in großen Mengen aus China. Wie lässt sich das lösen?

Man muss Alternativen aufbauen, am besten in anderen verlässlichen Partnerländern oder im Extremfall auch hier in Europa. Die Gewinnung und Weiterverarbeitung von seltenen Erden beispielsweise ist eine ziemlich dreckige Angelegenheit. Die hat man, wie viele andere Dinge, gerne nach China verlagert, auch weil man diese Tätigkeiten in den Industrieländern nicht haben wollte. China hat das gut und billig gemacht, auch weil der chinesische Staatskapitalismus kräftig subventioniert. Man konnte also in China günstig einkaufen, ohne sich um den Dreck zu scheren, der dabei entsteht. Diese Welt des Wegschauens ist jedoch zu Ende.

Was kann die Politik tun, um die Abhängigkeit Deutschlands respektive der EU von China zu reduzieren?

Die Bundesregierung könnte beispielsweise Investitionsgarantien, mit denen der Staat politische Risiken in China absichert, reduzieren – dafür gibt es auch bereits erste Anzeichen. Auch das bilaterale Investitionsabkommen mit China sollte eingefroren bleiben.

Darüber hinaus geht es vor allem darum, Anreize zu schaffen für mehr Geschäfte mit anderen Staaten. Zu nennen wären da lateinamerikanische Staaten, aber vor allem wirtschaftlich wichtige und sich dynamisch entwickelnde asiatische Länder wie Indonesien, Indien, Thailand und Malaysia. Hier gibt es allerdings auf beiden Seiten teils noch hohe Zölle. Eine entscheidende Maßnahme dagegen, die auch der Diversifizierung im Handel dient, sind Freihandelsabkommen. Doch Verhandlungen der EU mit diesen Staaten liegen auf Eis oder kommen kaum voran.

Woran liegt das?

Eine Hürde beim Abschluss der Abkommen sind die sehr hohen Standards der EU, insbesondere in puncto Nachhaltigkeit. Natürlich sollte es unser Ziel sein, dass sich Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsstandards in Partnerländern verbessern. Aber wenn wir gleich mit der 100-Prozent-Forderung aufwarten, kommen wir zu keinem Ergebnis, denn darauf lassen sich die potenziellen Partnerländer nicht ein. Möglicherweise müssen wir uns da mit kleineren Fortschritten zufriedengeben, denn wir brauchen solche Abkommen aus geostrategischen Gründen unbedingt.

QUELLE: iwd – Der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft

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