Aussenwirtschaft

Schwierige Zeiten für mittelständische Großhändler in Baden-Württemberg

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Boris Behringer

Hauptgeschäftsführer
Rechtsanwalt (Syndikusrechtsanwalt)

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Der Großhandel braucht dringend Lösungen in Zeiten von De-Globalisierung, Renationalisierung und der Corona- Pandemie sowie der bestehenden internationalen Spannungen.

Deutschland stellt als drittgrößte Exportnation nach China und den USA nicht nur den weltweit größten Leistungsbilanzüberschuss, sondern repräsentiert wie kein anderes Land die Bedeutung kleiner und mittelständischer Unternehmen als zentralen Erfolgsfaktor für nachhaltiges internationales Wachstum. Knapp die Hälfte des Ausfuhrvolumens steuert dabei der Mittelstand bei. Erfolgreiche mittelständische Unternehmen weisen einen Auslandsanteil am Umsatz von mindestens 40% aus und mindestens 30% Marktanteil in Europa oder am Weltmarkt. Insbesondere der hohe internationale Marktanteil ist ein entscheidendes Kriterium, das die große Bedeutung der Auslandstätigkeit für diesen Unternehmungstyp wiedergibt.

Zahlreiche Unsicherheiten belasten derzeit diese sehr stark vom Auslandsgeschäft abhängigen, mittelständischen Unternehmen. Die Covid-19 Pandemie und die damit zu Tage tretenden Probleme globaler Lieferketten sind dabei nur eine, wenn auch bedeutsame Quelle dieser Unsicherheit. Andere Quellen der Unsicherheiten sind der zunehmenden Nationalismus und Populismus in zahlreichen Ländern und der damit einhergehende Protektionismus und Techno-Nationalismus. Die Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und der Volksrepublik China und die damit verbundene Aushöhlung multilateraler Handelsabkommen, sowie bestehende Fragen bezüglich der zukünftigen Handelsbeziehungen zu Großbritannien, sind weitere Ursachen für die steigende Unsicherheit mit der sich die vom Auslandsgeschäft abhängigen, baden-württembergische Großhandelsunternehmen konfrontiert sehen.

Unter allen Bundesländern weist Baden-Württemberg das höchste Exportvolumen aus und erwirtschaftet so 39.1% des Bruttoinlandsprodukts, wodurch jeder dritte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Export abhängt (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stand Februar 2020). Die genannten Unsicherheiten im Auslandsgeschäft sind deshalb von enormer Bedeutung nicht nur für international orientierte Unternehmen, sondern auch für die Beschäftigungslage in Baden-Württemberg.

Die USA waren 2019 mit 12,3% der gesamten Exports aus Baden-Württemberg 2019 das größte Empfängerland für Exporte aus Baden-Württemberg (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stand Februar 2020). Das zweitgrößte Exportland für die Unternehmen in Baden-Württemberg ist die Volksrepublik (VR) China (8% aller Exporte aus Baden-Württemberg im Jahr 2019). Auch in der VR China ist es das erklärte Ziel der nationalistisch ausgerichteten Regierung unter dem Motto „Made in China 2025“ die heimische Wertschöpfung drastisch zu erhöhen und damit die Abhängigkeit von ausländischen Importen zu reduzieren. Die Importbeschränkungen in der VR China und die viel bedeutsamere und verstärkte Subventionierung heimischer Unternehmen machen es für Unternehmen aus Baden-Württemberg zunehmend schwer, ihre Produkte in der Volksrepublik abzusetzen. Dies betrifft insbesondere den chinesischen Automobilmarkt, der noch vor den USA, als der weltweit wichtigste Markt gilt und damit von enormer Bedeutung für die durch Krisen gezeichnete Automobil- und Automobilzulieferindustrie in-Baden-Württemberg ist. Immerhin noch 5,1% (rund 10,5 Milliarden Euro) der Exporte Baden-Württembergs gingen 2019 nach Großbritannien (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stand Februar 2020).

Insgesamt lässt sich damit ein steigender ökonomischer Protektionismus in für Baden-Württembergs Unternehmen sehr wichtigen Auslandsmärkten feststellen. Die Global Trade Alert Database der Universität St. Gallen beobachtet seit 2008 die Entwicklung handelsbeschränkender Maßnahmen. 2017 wurde erstmals ein signifikanter Anstieg handelsbeschränkender Maßnahmen festgestellt, insbesondere hervorgerufen durch Subventionen lokaler Unternehmen in deren Heimatmärkten oder durch staatliche Unterstützung derer Exportaktivitäten. Diese einseitigen staatlichen Eingriffe in den Wettbewerb erhöhen das Risiko des Auslandsgeschäfts im Mittelstand, indem unnötig die ohnehin knappen personellen und finanzielle Ressourcen, für den Umgang mit diesen Marktverzerrungen gebunden werden. Zudem leiden mittelständische Unternehmen aus Baden-Württemberg zunehmend auch in Drittmärkten unter den Wettbewerbsverzerrungen, hervorgerufen durch das subventionierte Exportgeschäft.

Seit Beginn der Covid-19 Pandemie wurden von vielen Ländern zusätzliche, handelsbeschränkende Maßnahmen ergriffen, was nicht nur den Zugang zu Absatzmärkten erschwert, sondern auch die für mittelständische Unternehmen oftmals kritischen internationalen Lieferketten unterbrochen. Viele Beobachter zweifelnd daran, dass diese zusätzlichen Herausforderungen für mittelständische Unternehmen aufgrund der Covid-19 Pandemie mit einem Abklingen der Pandemie wieder komplett verschwinden. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass in einer „neue Normalität“ weiterhin Druck auf Unternehmen in Baden-Württemberg besteht, Ihre Wertschöpfungsketten zu de-internationalisieren.

Insgesamt stehen die auf das Auslandsgeschäft angewiesene mittelständische Unternehmen in Baden-Württemberg vor der Herausforderung, wie sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihr Überleben in einem u. a. durch steigenden Protektionismus und De-Globalisierung charakterisierten internationalen Umwelt sichern. Beispielsweise stehen international orientierte Unternehmen vor der Frage, wie sie den aus einer geringeren Abhängigkeit von ausländischer Produktion und ausländischen Lieferanten resultierenden Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit kompensieren können. Aufgrund der zunehmenden staatlichen Intervention von Regierungen in wirtschaftliche Prozesse in vielen Ländern, allen voran in der VR China, ist eine verstärkte Kooperation mittelständischer Unternehmen, sowohl mit staatlichen Entscheidungsträgern auf Landesebene sowie mit verschiedenen Industrie- und Unternehmensverbänden unausweichlich.

Eine für die deutsche Wirtschaft zentrale Frage lautet daher, welche neuen Ansätze mittelständische Unternehmen und insbesondere Großhandelsunternehmen befähigen, an einer zunehmenden Verlagerung von zukünftigem Wettbewerb zukünftig stärker zu partizipieren.

Konzepte für eine zielführende Gestaltung überlegener Wertschöpfungssysteme und Szenarien bei der Verlagerung von zukünftigem Wettbewerb erforscht und entwickelt derzeit das Team des Ferdinand-Steinbeis-Instituts in engem Austausch mit dem Verband grosshandel-bw.

Für einen ersten Austausch in Form von Experten-Gesprächen zur Schärfung des Bildes unternehmerischer Bedarfe und der notwendigen Unterstützung in Bezug auf die aufgeführten Herausforderungen, würden wir uns über eine Rückmeldung interessierter Entscheidungsträger in Großhandelsunternehmen sehr freuen.

Nach erfolgreicher Durchführung und Auswertung der Experten-Gespräche werden die Ergebnisse in einem entsprechenden Format interessierten Unternehmen präsentiert und diskutiert. Als ein wesentliches Element strebt grosshandel-bw gemeinsam mit dem FSTI die Durchführung eines Experten-Workshops aus Verbandsvertretern, Unternehmensvertretungen und relevanten staatlichen Stellen in Baden-Württemberg an.

Bei Rückfragen oder Interesse für ein kurzes Experten-Gespräch wenden Sie sich gerne an Prof. David Rygl (david.rygl@ferdinand-steinbeis-institut.de) oder an Boris Behringer (behringer@grosshandel-bw.de).

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