Aus- und Weiterbildung

Soweit das Auge reicht – Auszubildende bleiben Mangelware

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Simone Diebold

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Wirtschaftsstaatssekretär Dr. Patrick Rapp besuchte im Rahmen einer Ausbildungsreise Mitgliedsunternehmen von grosshandel-bw, um sich über ihre Ausbildungskonzepte und ihre aktuelle Bewerbersituation in der Dualen Ausbildung zu informieren.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt für Unternehmen des Groß- und Außenhandels ist angespannt. Die Unternehmen berichten über immer größere Probleme bei der Besetzung der Ausbildungsstellen. Dabei gibt es sowohl eine rückläufige Zahl der Bewerber als auch eine abnehmende Ausbildungsreife der Bewerber. Außerdem steigt der Anteil der zum Ausbildungsbeginn nicht erschienenen Azubis, die eine Alternative gefunden haben, ohne sich abzumelden. Auch die starken Rückgänge bei den neuen Ausbildungsverträgen durch die Corona-Pandemie konnten noch nicht wieder ausgeglichen werden.

„Dieser anhaltende Trend ist für unsere Branche sehr schwierig und ein Licht am Ende des Tunnels lässt sich momentan noch nicht mal erahnen“, bewertet grosshandel-bw-Präsident Ulrich Gutting die Ausbildungssituation. „Unsere Unternehmen sorgen für einen reibungslosen Warenfluss und stellen als wichtiges Bindeglied zwischen Produzenten, Weiterverarbeitung und Abnehmern sicher, dass sich die benötigten Güter zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort der Wertschöpfungskette befinden. Wenn wir für die Zukunft keinen Nachwuchs mehr bekommen, den wir zu Fachkräften ausbilden können, dann haben wir alle ein Problem.“

Deshalb begrüßte der Verband die Initiative von Wirtschaftsstaatssekretär Dr. Patrick Rapp sich im Rahmen einer Ausbildungsreise bei einem persönlichen Besuch bei grosshandel-bw-Mitgliedsunternehmen aus der Region über ihre Ausbildungskonzepte und ihre aktuelle Bewerbersituation in der Dualen Ausbildung zu informieren.

Papiergroßhändler Carl Berberich GmbH, Heilbronn

Am 29. September besuchte Dr. Rapp den Papiergroßhändler Carl Berberich GmbH in Heilbronn. Geschäftsführer Karsten Knodel und Ausbildungsleiter Alexander Hufnusz berichteten, dass es gerade für Berberich als verlängerter Arm der Papierfabriken mit eigenen Verkaufsbüros und eigenem Fuhrpark ungeheuer wichtig sei, die Fachkräfte von morgen im Unternehmen direkt auszubilden. Denn bei über 5.000 Artikeln, die an Druckereien, Behörden und Fachhändler geliefert werden, sei Spezialwissen gefragt. Deshalb würden die Auszubildenden auch alle Abteilungen des Betriebs durchlaufen und bekämen so einen ganzheitlichen Einblick in die Welt des Papiers. Darüber hinaus gäbe es während der gesamten Ausbildungszeit alle zwei Wochen eine Papierschulung.

Die Übernahmequote bei Carl Berberich ist hoch. So freut sich die Auszubildende im dritten Lehrjahr, Lea Schick, die nach Realschulabschluss und kaufmännischer Schule, guter Beratung beim Arbeitsamt und einem Erkundungspraktikum den Weg zu Carl Berberich gefunden hat, auf die in Aussicht gestellte Übernahme. Auch Fabio Klenk, Auszubildender im ersten Lehrjahr, fühlt sich nach einem Monat schon richtig angekommen. Er sei momentan in der Musterabteilung und habe schon so viel über Papier gelernt. Nach Abschluss seines kaufmännischen Abiturs hatte er sich aufgrund von Empfehlungen beim Papiergroßhändler beworben. Doch ihm habe auch gefallen, dass Carl Berberich auf Social Media aktiv ist.

„Ja, Papier ist nicht besonders sexy. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir uns auf Instagram modern präsentieren, auf Ausbildungsmessen gehen und mit unseren Auszubildenen Schulklassen besuchen, wo sie aus ihrem Auszubildendenalltag erzählen und die jungen Menschen für unser Unternehmen begeistern“, berichtete Ausbildungsleiter Alexander Hufnusz. Geschäftsführer Karsten Knodel ist stolz auf das eigene Ausbildungskonzept: „Bei Berberich setzen wir stark auf unseren Nachwuchs, den wir selbst ausbilden. Viele leitende Positionen werden von ehemaligen Auszubildenden wahrgenommen.“ Dennoch konnten in diesem Jahr nicht alle offerierten Stellen besetzt werden. Es fehle vor allem an Berufskraftfahrern und Azubis fürs Büromanagement. Deshalb begrüßt der Papiergroßhändler alle Anstrengungen des Wirtschaftsministeriums, um für die Ausbildung zu werben.

Biogroßhändler Rinklin Naturkost GmbH, Eichstetten

Die Ausbildungsreise führte Dr. Rapp am 30. September in den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und hier zum grosshandel-bw-Mitglied der Rinklin Naturkost GmbH in Eichstetten am Kaiserstuhl. Die beiden Geschäftsführer und Brüder Armin und Harald Rinklin freuten sich über den Besuch und berichteten, dass sie konsequent auf regionale und saisonale Produkte setzen, was sich auch in der Ausbildung bemerkbar mache. Seit 1955 gehört Rinklin zu den ersten Unternehmen der Biobewegung und beliefert mit seinen mehr als 250 Mitarbeitern aktuell über 800 Kunden – Naturkostfachhandel sowie Reformhäuser zählen traditionell zu den Stammkunden doch auch Großabnehmer wie Gastronomien, Schul- und Betriebskantinen und soziale Verpflegungsbetriebe. Das breite Naturkostsortiment mit rund 12.000 Artikeln beinhaltet Obst und Gemüse, Trockensortiment, Kühl- und Tiefkühlprodukte sowie einen Non-Food Bereich. Und das Unternehmen steht zum Standort – im Eichstetter Gewerbegebiet erweitert der Großhändler für Biolebensmittel bis Mitte 2023 seine Gesamtlagerfläche auf rund 10 000 Quadratmeter.

Das wissen auch die drei Auszubildenden Mika Ortolf, Mia Schillinger und Kria Loosen, die im Gespräch berichteten, dass sie zu Rinklin über das Berufspraktikum und die gute Beratung der Arbeitsagentur gefunden haben. Die Ausbildung sei sehr abwechslungsreich und toll wäre, dass sie alle Unternehmensbereiche durchlaufen könnten, vom Ein- und Verkauf über die Disposition, Buchhaltung und Lager bis hin zum Einzelhandel, denn Rinklin betreibt eigene Vita-Biomärkte. Jeder Auszubildende wird von einem Mentor betreut und bekommt regelmäßig Feedback zum Tagesgeschäft.

Als Recruiting-Instrument nutzt Rinklin die regionalen Ausbildungsmessen, bietet Praktika an und plant mit seinen Auszubildenden an Schulen zu gehen, um hier die jungen Leute direkt anzusprechen und sie für die Naturkost zu begeistern.

grosshandel-bw-Verbandspräsident Ulrich Gutting, der beim Austausch vor Ort war, gab Wirtschaftsstaatssekretär Dr. Rapp mit auf den Weg, dass an allen Schulen die Zusammenhänge von Wirtschaft und wie sie funktioniere, vermittelt werden müsse. „Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft, das müssen wir unseren Kindern lehren. Und wir brauchen das gemeinsame Engagement aller Beteiligten – Schule, Eltern, staatliche Einrichtungen, Politik und Wirtschaft – um junge Menschen für eine berufsorientierte, vielfältige und chancenreiche duale Ausbildung zu gewinnen, die mit ihrem Praxisbezug und der Möglichkeit sich immer weiterzubilden viel Spaß macht“, so der Verbandspräsident.

Gerriets GmbH, Umkirch – Spezialist für Bühnenbedarf und Veranstaltungsprojekte

Den Abschluss der Ausbildungsreise machte der Besuch bei der Gerriets GmbH in Umkirch bei Freiburg. Der Spezialist für Bühnenbedarf und Veranstaltungsprojekte hat sich seit der Firmengründung 1946 in ein expandierendes Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitern und Tochterunternehmen und Vertriebspartnern in 19 Ländern entwickelt. Das Produktportfolio wurde ständig erweitert und nach Bedürfnissen der Kunden weiterentwickelt. Es deckt alle Bereiche ab: hauseigene Fertigungen von Vorhängen, Folien und Kulissen, Lieferung von Lagerartikeln auch in Überbreiten, Horizontgewebe, Dekostoffe, Bühnenvelours, Effektmaterialien, Bühnentechnik wie Zug- und Schienensysteme sowie regelmäßige neue Produktentwicklungen. Und die internationalen Kunden sind das „Who is who“ der Kulturwelt. Hier eine kleine Kostprobe: das Eisstadion im Europa-Park in Rust, die Elbphilharmonie in Hamburg, das Humboldt-Museum in Berlin, das Royal Opera House in London, das Museum in Ankara, das Cultural & Creative Centre Kumagaya in Japan, die Metropolitan Opera New York und viele, viele mehr.

Jonas Schira, Director Projects & Acoustics, berichtete, dass für dieses Spezialsegment gut ausgebildete Fachkräfte das A und O sind. Momentan gäbe es 14 Auszubildene, die während ihrer Ausbildung alle Bereiche des Unternehmens durchlaufen – die Kaufleute auch alle handwerklichen Abteilungen. Aufgrund der Internationalität würden Sprachkurse angeboten und die Auszubildenen erhielten die Möglichkeit, wenn gewünscht, die ausländischen Standorte kennenzulernen.

Die beiden Industriekauffrau-Auszubildenden Selina Erpirti und Geena Wulf, beide im dritten Lehrjahr, berichteten, dass sie durch die gute Beratung einer Mitarbeiterin der Arbeitsagentur und einer tollen Präsentationsmappe auf Gerriets aufmerksam geworden sind. Hier stach das Unternehmen aus allen Mitbewerben schon heraus. Daraufhin besuchten sie noch die Ausbildungsmesse Job-Start-Börse in Freiburg und informierten sich am Gerriets-Stand. Auch hier eine überzeugende Vorstellung des Unternehmens, die schlussendlich den Ausschlag für die „erfolgreiche“ Bewerbung gab. Beide sind begeistert von der Ausbildung – vor allem der Praxisbezug, die tollen Produkte und der internationale Kundenkontakt machen großen Spaß.

Gerriets präsentiert sich jährlich auf verschiedenen Ausbildungsmessen. Christian Kurz, Head of Human Resources, berichtete jedoch, dass in der letzten Zeit das Interesse der jugendlichen Besucher extrem abgenommen hätte. Die handwerkliche Ausbildung habe einfach einen negativen Ruf, so Kurz. Geringerer Verdienst, anstrengende körperliche Arbeit und die Reisetätigkeit von Monteuren würden die Bewerber abschrecken. Das Studium locke mit coolem Image und vermeintlich besseren Verdienstmöglichkeiten. Hier könne Gerriets dann durch die Sichtbarkeit ihrer produzierten Produkte punkten. Denn die meisten Jugendlichen waren schon mindestens einmal im Europapark Rust – ein großer Kunde des Unternehmens – und sind dann begeistert, wenn sie erfahren, dass große Teile der Bühnentechnik und Ausstattung von Gerriets stammen.

Nachhaltigkeit ein großes Thema bei Gerriets – lokale Fertigung, kurze Weg, Recycling, Elektrofuhrpark, Solarenergieversorgung. Und man möchte eine Zukunft für die Interessen der Mitarbeiter schaffen. Ein Weg dazu ist eine Digitalisierungskampagne, die das Unternehmen 2023 starten möchte. Es gibt also auf den nächsten Ausbildungsmessen viel zu berichten.

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